Kirche und Rechtsextremismus

Theologie

Bibel und Kerze

Das Evangelium ist die Grundlage für das vielfältige Engagement der Christinnen und Christen in Bayern.

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In der Positionierung gegen Rechtsextremismus bringt die bayerische Landeskirche ihr theologisches Fundament ins Spiel: das Evangelium.

In der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern hat sich in den letzten Jahren ein breiter Konsens entwickelt, dass wir aufgerufen sind, Position im Umgang mit Rechtsextremismus zu beziehen. Für uns als Kirche bildet hierfür die biblische Botschaft die Basis. Sie bietet einen reichen Schatz an Sprache, Bildern, Liedern, Symbolen und Handlungsmustern aus dem Gedächtnis der Christenheit an und findet dies auch für Umkehr und Vergebung, Hoffnung, Aufbruch und Zukunft.

Biblisch Theologische Grundlagen

Schöpfungstheologische – anthropologische Aspekte

Die Unvereinbarkeit rechtsextremen Gedankengutes mit christlicher Theologie und Haltung ist prägnant und evident begründet in der Gottebenbildlichkeit des Menschen, wie sie in der Schöpfungsgeschichte zum Ausdruck kommt: „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ (1. Mose 1,27). Die Bibel verkündet die von Gott allen Menschen geschenkte Würde und widerspricht damit der von den Rechtsextremen verbreiteten Ideologie, dass bestimmte Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechtes, ihrer Religion, einer Behinderung oder anderem weniger wert seien als andere. Als Christinnen und Christen sind wir verpflichtet, gegen die Abwertung und Missachtung von Menschen aufzustehen und für die Würde aller Menschen einzutreten.

 

Theologisch-ethische Aspekte

Nach dem Zeugnis der Hebräischen Bibel gibt Gott seinem Volk lebensfördernde Weisungen. Seine Gebote sind aus der Erinnerung heraus begründet. Gottes Volk soll Recht und Gerechtigkeit wahren und die Schwachen schützen, weil Gott selbst an seinem Volk befreiend und schützend gehandelt hat. Bereits in der Selbstvorstellung Gottes im ersten Gebot des Dekalogs stellt er sein befreiendes Handeln vor: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“ (2. Mose 20,2.3). Dieses erste Gebot macht die Befreiung von Sklaverei und Unterdrückung zum unvergesslichen Attribut Gottes und integralen Bestandteil der Gemeinschaft Israels mit Gott. Darum rücken Menschen, die von Missachtung, Diskriminierung oder Ausgrenzung bedroht sind, in die Mitte der Schutzbestimmungen Gottes. Die Befreiung aus Ägypten und der Bund Gottes mit seinem Volk begründen die Identität Israels, die für die damalige Umwelt Israels alles andere als selbstverständlich den Schutz der Fremden und die Achtung ihrer Rechte einschließt.

Dieses Grundanliegen des Schutzes für Fremde und Schwache durchzieht wie ein roter Faden die Gesetzestexte der Hebräischen Bibel: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ (3. Mose 19, 33f). Sowohl in die Welt der Psalmen als auch in die Verkündigung der Propheten Israels hat diese Rechtstradition ihren Eingang gefunden.

Denn „Gott behütet die Fremdlinge“ (Psalm 146,9), während das Volk immer wieder daran erinnert wird, dass es „keine Gewalt übt gegen Fremdlinge“ (Jeremia 7,6). Zusammen mit den Witwen und Waisen bleiben die Fremdlinge unter göttlichem Schutz (Hesekiel 22,7; Sacharja 7,19; Maleachi 3,5). Gottes Weisung wird in der Hebräischen Bibel nicht als abstrakte Forderung eines autoritären Gottes verstanden. Vielmehr wird deutlich, dass seine Weisung im Kern darauf zielt, sich in den anderen einzufühlen: „Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken; denn ihr wisset um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen seid.“ (2. Mose 23,9). Die besondere Verletzlichkeit von Fremden und die Notwendigkeit, sie mit Achtung und Respekt zu behandeln, wird jeder verstehen, der sich in ihre besondere Situation einfühlt.

Diese „Ethik der Einfühlung“ (Heinrich Bedford-Strohm) gipfelt in der Hebräischen Bibel im Gebot der Nächstenliebe (3. Mose 19,18), das in der Fremdenliebe (3. Mose 19,34) eine hervorgehobene Ausprägung erfährt. Das Liebesgebot der Hebräischen Bibel, das als Summe aller jüdisch-christlichen Ethik gesehen werden kann, trifft den Kern dieser Einsicht. Martin Buber hat das Gebot der Nächstenliebe daher treffend so übersetzt: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du.“ Im Neuen Testament wird diese Ethik der Einfühlung von Jesus in der so genannten Goldenen Regel auf den Punkt gebracht: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten.“ (Mt 7,12). Sie durchzieht Jesu Weisungen zum Leben von den Seligpreisungen der Bergpredigt (Mt 5) bis hin zu Jesu Gleichnis vom Weltgericht (Mt 25,39-46). „Hungrige speisen, Durstigen zu trinken zu geben, Fremde gastfreundlich aufnehmen und Nackte bekleiden“ - solche existentielle und einfühlende Zuwendung hat Jesus selbst vorgelebt und seinen Nachfolgern aufgegeben: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr auch mir getan.“ (Matthäus 25, 40b).

Christologische Aspekte

„Seid untereinander gesinnt, wie es dem Leben in Christus entspricht“ (Phil 2,5 – mit diesen Worten leitet Paulus den Philipper-Hymnus ein, der die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus preist. Sein Lebensweg ist geprägt von der Verwundbarkeit eines Neugeborenen in der Krippe, der Flucht nach Ägypten (in matth. Sicht) sowie davon, als „Menschensohn“ keinen festen Ort zu haben, sein Haupt hinlegen zu können. Dieser Lebensweg führt ihn in die Passion und zum Tod am Kreuz. Indem Jesus diesen Weg der liebenden Zuwendung zu den Menschen zu Ende geht, kommt Gottes Liebe in Verletzlichkeit, Niedrigkeit und spezifischer Verborgenheit im Geheimnis der Erlösung durch Kreuz und Auferstehung zum Ziel. In der Nachfolge des Urbildes seiner Liebe verleiht er uns in der Kraft seines Geistes die Fähigkeit, Gutes von Bösem zu unterscheiden und dem Bösen zu widerstehen (1. Thes 5,22) sowie das Böse mit Gutem zu überwinden (Röm 12,21). In der Gewissheit, dass der Herr nahe ist, sind wir gerufen, seine Freundlichkeit gegenüber allen Menschen zu zeigen (Phil 4,5).

Hamartologische und pneumatologische Aspekte

Obgleich das christliche Verständnis vom Menschen rechtsextremistischen Einstellungen widerspricht, vertreten mitunter auch Kirchenmitglieder fremdenfeindliche, antisemitische, islamophobe und rassistische Auffassungen. Das Böse, das das Menschenherz von Jugend an tangiert (1. Mose 8,21) und zum Teil unserer selbst zu werden vermag, können wir nicht aus eigener Kraft überwinden. Paulus formuliert diese Einsicht so: „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Römer 7, 18+19) Auch wenn sich in diesen Worten des Paulus das „adamitische Ich“ ausspricht, weiß die christliche Existenz um die Spannung zwischen Wollen und Handeln. Daher bitten wir mit den Worten des Vaterunsers um unsere Erlösung vom Bösen und um seinen uns erneuernden Heiligen Geist. Dieser hilft unserer Schwachheit auf (Röm 8,26) und wirkt seine Früchte in uns: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Güte, Sanftmut und Selbstbeherrschung (Gal 5,22). In diesem Bewusstsein wird deutlich, wie unabdingbar es ist, weder die Schuld der nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft noch gegenwärtige rechtsextremistische Gewalttaten oder auch von Flüchtlingen verübte Übergriffe weg zu erklären oder zu verharmlosen.

Ekklesiologische Aspekte

„Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3, 28) Mit diesen Worten hat der Apostel Paulus die Kirche als eine Gemeinschaft beschrieben, in der Unterschiede zwischen Menschen keine Trennung, sondern eine Bereicherung bedeuten. Die Taufe auf Christus schafft eine Gemeinde, in der die Unterschiede zugunsten der Einheit zurücktreten. Der christliche Glaube entfaltet diese verbindende Kraft nicht nur innerhalb der Kirche, sondern auch im Blick auf das gesellschaftliche Zusammenleben. Unvereinbar damit ist jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, sei es, dass sie sich gegen Migranten und Migrantinnen, Menschen jüdischen oder muslimischen Glaubens, Menschen mit Behinderungen, Wohnungslose oder Menschen anderer Prägung richtet.

Wir wissen, dass rechtsextremistische Einstellungen nahezu immer Antijudaismus, Antisemitismus und Israelfeindschaft einschließen. Vor diesem Hintergrund ist die Aussage des Apostels Paulus für uns entscheidend: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ (Römer 11, 18b) Als Christenheit sind wir mit dem Volk Israel unlöslich verbunden.Die Landessynode der ELKB hat daher den Grundartikel der Kirchenverfassung ergänzt:

Die evangelisch-lutherische Kirche „ist aus dem biblischen Gottesvolk Israel hervorgegangen und bezeugt mit der Heiligen Schrift dessen bleibende Erwählung“. Mit dieser Ergänzung wird ausgedrückt, dass das Verhältnis von Christen und Juden grundlegend ist für die Gestaltung des kirchlichen Lebens, für Theologie und Unterweisung sowie für die Beziehung und die Begegnung mit Juden und Jüdinnen und ihren offiziellen Repräsentanten.

Systematisch-theologische Aspekte

Systematisch-theologische Aspekte

Gelebte Menschenfreundlichkeit Gottes führt zu Widerspruch und Widerstand der Kirche in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus. Diese geschieht auf Basis der reformatorischen Unterscheidung zwischen „Person und Werk“, also zwischen Menschen und ihren Taten. Jeder Mensch ist Teil der von Gott in Christus versöhnten Schöpfung. Die von Gott zugesprochene Würde bleibt, selbst wenn ein Mensch seiner eigenen Würde durch sein Handeln zu widersprechen scheint. Menschen mit rechtsextremer Haltung zur Umkehr zu ermutigen, ist neben notwendigen repressiven Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung die allererste Aufgabe. Aussteigerprogramme sind dafür der richtige Ansatz.

 

Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus kann ausgehend von diesen theologischen Grundlagen und den aus ihr hervorgehenden Einsichten gelebter Menschenfreundlichkeit Gottes nicht nur an einzelnen Stellen, zufällig und beliebig präsent sein. Vielmehr muss diese überall dort erkennbar werden, wo Kirche öffentlich auftritt. Die Bekämpfung von Rechtsextremismus ist eine Querschnittsaufgabe kirchlichen Handelns und wesentlicher Teil des kirchlichen „Wächteramtes“, das heißt, es gehört zur öffentlichen Verantwortung der ELKB in der Gegenwart, dass sie dem Rechtsextremismus widerspricht und widersteht. Das Verschweigen und Ignorieren von rechtsextremen Übergriffen oder Aufmärschen bedeutet, diese zu dulden. Die protestantische Einsicht aber ist, dass Kirche Gesicht zeigen und im Engagement gegen Ausgrenzung und Rassismus als engagierte Kirche erkennbar sein muss.

Daher hat der öffentliche Widerspruch seinen Ort in der Lehre, in der Predigt, in aller Verkündigung und vielen Verlautbarungen der Kirche. Er äußert sich in kirchlichen Beiträgen zur Erinnerungskultur, in Unterrichtsmodellen zur Gewaltüberwindung und zur Annahme der Fremden im Religions- und Konfirmandenunterricht, in der kirchlichen Jugendarbeit und der Diakonie. Der öffentliche Widerstand und die gelebte Menschenfreundlichkeit unserer Kirche konkretisieren sich in allen Handlungsfeldern der ELKB beziehungsweise in allen in dieser Publikation dargestellten Aktivitäten sowie in einer Prüfung des eigenen Sprachgebrauchs.

Ökumenischer und interreligiöser Dialog

Ökumenischer und interreligiöser Dialog

Im Kampf gegen Rechtsextremismus ist die ELKB mit zahlreichen Partnern anderer Konfession und Religion verbunden. Neben der Kooperation mit der katholischen Kirche und weiteren ökumenischen Partnerkirchen besteht ein enger Schulterschluss mit den jüdischen Gemeinden in Bayern, insbesondere in den Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Seit über 50 Jahren setzen diese sich, vertreten durch je einen katholischen, jüdischen und evangelischen Vorstand auf der Basis des biblischen Menschenbildes gegen Rassismus und Antisemitismus und für ein menschenfreundliches und tolerantes Miteinander in der Gesellschaft ein. Muslimische Gemeinden sind vielerorts in diese Aktivitäten eingebunden und bringen sich darüber hinaus gemeinsam mit der ELKB in Bündnissen gegen Rechts aktiv ein. Zusammen mit diesen Partnern legt die ELKB Wert auf pro-aktives Handeln und steht Menschen bei, die von Rechtsextremismus betroffen sind. Vertreter und Vertreterinnen jüdischer Gemeinden etwa müssen

heute wieder Anfeindungen erleben und werden zur Zielscheibe von Drohbriefen. Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit können durch Aufklärung, Bildung und Begegnungen problemorientiert aufgegriffen und entkräftet werden. Die Beauftragten für den christlich-jüdischen Dialog beziehungsweise für den interreligiösen Dialog und Islamfragen achten auf eine theologische Reflexion des Engagements der ELKB als gesellschaftliche Akteurin in diesem Aufgabenfeld.

Kleines Fazit

Ein biblisch-theologisch wohl fundierter Glaube ruft alle Christenmenschen und die christliche Kirche zu gelebter Menschenfreundlichkeit Gottes und damit in den Widerspruch und Widerstand gegen alle Formen von Rechtsextremismus. Denn Rechtsextremismus verleugnet und verletzt alle wesentlichen Grundsätze, die das Christentum in anthropologischer und ethischer Perspektive ausmachen: die Gleichheit aller Menschen als Geschöpfe Gottes, ihre Gottebenbildlichkeit, die biblische Ethik der Einfühlung gegenüber Bedürftigen, zu denen die Fremden gehören, die bleibende Erwählung des Volkes Israel, die grundsätzliche Überschreitung von ethnischen und sozialen Grenzen. Die biblische Botschaft verpflichtet zur Gewaltlosigkeit, zu Nächstenliebe und zu Versöhnung und ruft Christen an die Seite derer, die bedroht, herabgewürdigt und ausgegrenzt werden.


07.05.2018 / ELKB